Revived and Revised
Posted on 2. Juli 2010
Im DigitalArtForum (DAF) gibt es seit kurzem einen Thread in dem die Illustratoren alte Skizzen nach heutigem Können neu auflegen. Den Thread als Anlass und um Maike ein wenig zu unterhalten, habe ich gestern Abend meine alten Skizzen durchforstet und die folgende Zeichnung ausgewählt 
Skizze 027 aus 781 dokumentierten Skizzen, aus dem Jahr 2004.
Und das habe ich gestern Abend draus gemacht.

Die Neubearbeitung ist denke ich, zweifelsohne stimmungsvoller, aber unkritisch kann ich auch sie nicht sehen. Aber bevor ich meine eigenen Kritikpunkte anbringe, hier die Erläuterung meines Gedankenganges zur Neugestaltung.
Die alte Skizze zeigt sowas wie einen Ork und einen Ritter die sich gegenüberstehen. Als Umgegung dient eine Höhle, Licht von rechts oben und gesehen aus einer mittleren Distanz.
Alles in allem… banal, unspannend & uninteressant da defintiv keine Geschichte erzählt wird und nicht mal eine Atmosphäre transportiert wird.
Da versucht die Neubearbeitung anzusetzen – also zumindest bei der Atmosphäre.
Um des Vergleiches Willen sind Betrachterstandpunkt, Perspektive, Links/Rechts-Aufteilung und Setting gleich geblieben.
1. Format: Cinemascope’esque – das Format ist nach Gefühl mit dem Croptool angelegt. 16:9 ist schon nicht mehr episch genug, ich bevorzuge breitere Formate, weshalb die Datei ein Format von 2263x900px hat.
2. Basisfarbton: Blau – das war einfach. Zum einen hab ich ein Faible für fast monochrome Blaubilder, zum andern unterstützt es den episches Aufeinandertreffen & Gefahr-Aspekt. Nicht ohne Grund sind viele “vorsicht total ernsthaft”-Actionfilme mit einem entsättigenden Blaufiltern bearbeitet.
3. Tonwertsetup: LowKey – die Höhle bietet sich dafür einfach an, d.h. dunkle Farben überwiegen. (Vorsicht: in der Druckvorstufe wird mit LowKey-Bildern das genaue Gegenteil bezeichnet, nämlich Bilder mit wenig Schwarzanteil [CMY Key = Schwarz])
4. Kontraste: Tonwert- und Warm-/Kalt-Kontrast – durch die vorherigen Entscheidungen sind das die logischen Kontrasteinsatzmöglichkeiten. Gerade der Tonwert-Kontrast dient dann auch noch unterstützend dem Transport des figuralen Kontrastes.
Formkontrast bietet sich hier nicht an. Detailkontrast kommt zwar zum Einsatz, aber dazu gleich noch mehr
5. Inhaltliche Aufbereitung: Aus “Streetfighter: Ork vs. Ritter” wird “Ritter aus dem Licht ahnt/weiß nahende Gefahr in Form eines Monsters, sieht sie aber nicht”. Immer noch nicht viel Inhalt, aber zu einem einfachen StandOff der beiden Figuren konnte ich mich nicht durchringen.
-> Staging:
Gemäß der zuvor für mich getroffenen Entscheidungen waren die groben Platzierungen schnell gemacht und die Bühne für beide Figuren schnell präpariert. Jetzt kommen die “Detail”-Entscheidungen.
Weils schnell geht, eigentlich immer und gut funktioniert und sich hier besonders anbietet, habe ich die Bühne sehr eindeutig in Vorder-/Mittel-/Hintergrund angelegt.
Die Vordergrundelemente mit ihrer starken Unschärfe suggerieren Nähe zum Betrachter. Der Betrachter wird in das Bild hineingezogen, trotz des distanzierten Standpunktes. Die vorragenden Schemen dienen außerdem dazu, die durch den distanzierten Standpunkt eigentlich gewährte Übersicht über das Geschehen, aufzubrechen.
Der Hintergrund ist eine grob gezeichnete und stark abstrahierte Textur, die nur im Kontext mit dem restlichen bild als Fels interpretiert werden kann. Ich hätte mit entsprechendem Aufwand eine ausgearbeitete Felswand malen können, doch das hätte ungewollt Aufmerksamkeit vom Mittelgrund – dem Austragungsort des Geschehens – weggezogen.
Vorder- und Hintergrund sind detailperspektivisch reduziert angelegt um dem Mittelgrund die volle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Der inhaltlichen Aufbereitung folgend habe ich unter anderem den Ork in eine erhöhte Position gesetzt. Er überragt den Ritter, er hat mehr Überblick, er kann sehen und hat die bessere Ausgangsbasis für eine Attacke. Um die Bedrohungssituation zu unterstützen habe ich den Ritter in seiner Gestik “offen & unwissend” und für die Situation unpassend dargestellt. Schild zur Seite, offene Körperfront, zur Seite gewendeter Kopf, Schwert nicht zur Attacke bereit – der Ritter macht sich selbst zum zu schlachtenden Schwein auf dem Präsentierteller. Soweit so nachvollziehbar.
Die tonale Ausgestaltung indes, wird für Zweifel sorgen. Denn ich habe bewusst die Lesbarkeit (im Sinne von sofortige Erkennbarkeit der beiden Figuren) gemindert. Ich habe zur Inhaltskommunikation den Tonwertkontrast eindeutig auf die beiden Figuren gelegt und den Ork/das Monster den Schatten anheim gegeben. Ich möchte die Bedrohung weniger (an-)greifbar haben, für den Bildakteur als auch für den Betrachter. Um dem Betrachter dennoch den entscheidenden optischen Hinweis zu geben “da ist noch was” bekam der Ork dann, eine hart vom Schatten hervorstechende, beleuchtete Schwertklinge.
Desweiteren habe ich versucht, durch das im Schatten verschwinden lassen des Orks, den Betrachter auch an der Sicht-/Erlebnisweise des Ritters teilhaben zu lassen. Der krasse Wechsel der Lichtverhältnisse (Ritter kommt aus dem sehr hellen Bereich in einen sehr dunklen) bedingt, dass man erstmal nichts/wenig sieht. Durch diesen Kontrasteinsatz wird der Betrachter weiter ins Bild hineingezogen.
Die komplette tonale Ausgestaltung fußt auf dem Gedanken, den Betrachter trotz des distanzierten Standpunktes so stark wie möglich in das Bild einzubinden und die Identifikation mit dem Ritter zu ermöglichen.
meine eigenen Kritikpunkte an der Neubearbeitung:
Geringe Inhaltsdichte wenn man überhaupt von Inhalt sprechen kann. Warum passiert die Szene? Hätte man dem zu erwartenden physischen Konflikt “mehr” hinzufügen können!?
Bei den Felsen war ich faul und habe keinerlei Räumlichkeit des Felsvorsprungs bedacht, sondern wild drauflosgesprenkelt.
Auch faul war ich bei der Fauna, die ist nämlich nicht vorhanden. Eigentlich müsste dort, wo das Licht hereinkommt im Kontrast zum sonstigen Höhleninneren, Gräser zu sehen sein. Auf den unmittelbar umliegenden sowie durch reflektiertes Licht beleuchteten Steinen mindestens Moos. Für beides hatte ich gestern keinen Nerv mehr.
Ich glaub ich mach des Ritters Kopf nochmal neu.
Das wars soweit.
Kurzfassen ist nicht meine Stärke, sorry.
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