Das hier ist ein Job, von dem ich nicht sicher war ob ich ihn machen würde bis ich es gerade tat. “Dieser Job”, diese Formulierung ist beschissen.
Einer der am meisten angesurften Bildbeiträge hier in meinem Blog, sind meine beiden Tattooskizzen für mein irgendwann anstehendes, eigenes Tattoo. Unter den vielen Besuchern die sich diese Bilder anschauen war auch Tamara. Tamara rief mich vor etwas mehr als einer Woche an, sie erzählte mir dass sie meinen Blog gesehen habe und dass ihr meine Bilder gefielen. Sie erzählte mir wie so viele andere, dass sie früher auch gerne gezeichnet habe aber es irgendwann hat sein lassen. Sie fragte mich ob ich glücklich sei mit dem was ich mache, wie mir Hamburg gefällt und sagte mir, dass sie für mich hofft, dass aus meinem “Maybe” irgendwann ein “Yes” würde. So telefonierten wir für eine halbe Stunde und dann fragte Tamara mich, ob sie mir etwas erzählen dürfe. Und ich sagte “Ja”.
Tamara ist 26, sie hat am 25. Februar Geburtstag, Tamara ist nicht verheiratet aber seit einigen Jahren glücklich mit ihrem Partner zusammen. Tamara ist Mutter. Oder vielmehr sie war es. Sie hat ihr Kind verloren. Und mit ihm beinahe sich selbst und ihren Partner.
Es geschah bei einem Autounfall, sie fuhr, ihr Partner auf dem Beifahrersitz, ihr Sohn “David” fest verpackt im Kindersitz auf der Rückbank. David schrie mal wieder, schon die ganze Fahrt über und ihr Freund gab sich alle Mühe ihn ruhig zu stellen. Er nahm die Rassel und schüttelte sie, er versuchte es mit dem Lieblingschnuller und mit Singen. Als Tamara mir das erzählt klingt es fast so, als lächele sie dabei. Aber dann wird ihre Stimme traurig. David wurde einfach nicht ruhiger, sagte sie mir. Und dann wie schon unzählige male zuvor, wand sie selbst sich kurz nach hinten um nach ihrem Kleinen zu schauen. Sie sah ihren Sohn, doch was sie nicht sah war der Traktor der aus dem kleinen Waldstück kam.
David starb am 26. Mai 2009, nicht einmal ein Jahr alt. Tamara und ihr Freund Markus überlebten beide, sind aber vom Unfall gezeichnet.
Nach einer Pause erzählte mir Tamara, dass sie gerne ein Tattoo machen lassen würde. Eine Erinnerung an ihren Sohn. An das, was sie verloren hat und an das, was sie nur mit Glück hatte behalten dürfen. Sich selbst und ihre Beziehung. Deswegen hatte sie mir ihre Geschichte erzählt. Ich sollte ihr Tattoo entwerfen.
Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich glaube ich sagte, dass das sehr schmeichelhaft sei aber ich nicht glaube dass ich der Richtige dafür sei. Meine Zeichnungen sind ganz in Ordnung, aber nichts für die Ewigkeit. Und jetzt da ich ihre Geschichte kenne, wüsste ich nichts was ich zeichnen könnte was dem gerecht würde. Ich redete mich um Kopf und Kragen, denn diesen Auftrag glaubte ich nicht erfüllen zu können. Und so lief unser Gespräch irgendwann ins leere. Sie bat mich es mir zu überlegen bis zum Ende des Monats, dann müsse sie sich nach jemand anderem umschauen da sie das Tattoo bis zum Jahrestag ihres Sohnes gerne stechen lassen würde. Ich sagte, dass ich es mir überlegen würde und wir verabschiedeten uns mit ein wenig Unbehagen.
Was Tamara nicht wusste, weiß und wissen konnte. Ich bin 26 Jahre alt, ich bin am 24. Februar geboren also einen Tag vor ihr, und an einem 26. Mai -dem Geburtstag meines leiblichen Vaters – verstarb meine Mutter.
Heute, gerade als ich das Büro verlassen wollte um den für heute geplanten Sachen nachzugehen, poppte aus meinem Terminkalender ein Fenster auf, das mich daran erinnern sollte dass ich nächste Woche Geburtstag habe und mir Gedanken darum machen sollte, was ich dann machen möchte. Und irgendwie… anstatt das Fenster einfach wegzuklicken starrte ich es an. Ich starrte hindurch und ich musste wieder an Tamara denken. An ihre Geschichte, an ihre Beziehung, an ihren Sohn, an meine Mutter.
Und dann habe ich angefangen zu zeichnen.

Was ich gezeichnet habe, ist ungenügend. Es beinhaltet nicht einmal die Hälfte dessen, was es beinhalten sollte. Nicht mal ansatzweise das, was mir durch den Kopf geht oder vermutlich, Tamara fühlt. Aber es ist das Beste was ich jetzt zustande bringen konnte. Und ich hoffe trotz allem, dass es Dir – Tamara – gefällt.
Zur Erläuterung noch dazu: Das Tattoo sollte entweder aufs Brustbein, auf den Busen, unters Herz oder auf den Bauch von Tamara passen. Und es sollte Platz für einen Text lassen, welchen Text konnte sie mir noch nicht sagen. Den würden sie und Markus auswählen, wenn es soweit sei. “to those who fell asleep” ist nur ein Platzhalter und mein Bildtitel.
Jetzt werde ich meine Sachen packen und einen langen Spaziergang machen. Scheiß auf die Pläne für heute.
Seit heute Nachmittag lese ich diesen Text immer und immer wieder. Ich bin von meinen Gefühlen überwältigt… Tränen in den Augen. Eine so tragische Geschichte, die wünscht man keinem… Ich kann bestimmt nicht darüber urteilen wie man sich dabei fühlt, aber nicht desto trotz fühle ich mit. Der Verlust eines geliebten Menschen, dies in einem Tattoo zu verewigen finde eine wundervolle Idee. Natürlich wird man dies trotzdem nie vergessen, ist aber auch eine Form der Trauer.
Ich wünsche Dir, Tamara – bzw. Euch, Tamara und Markus – alles Gute.
@Steven: Du verkaufst Dich unter Wert. Deine Bilder können für die Ewigkeit sein. Ich bin von Deinem Talent überzeugt. In diesen Zeichnungen in denen Gefühle ausgedrückt werden, erkennt man wieviel Gefühl du in deine Arbeit reingesteckt hast. Und das ist was ehrliches. Etwas wahres. Was von meiner Sicht auch Dich und deine Arbeit ausmacht.
Hinzufügen möchte ich noch was ganz persönliches. Die Person die dieses “Maybe” ausgesprochen hat… sie würde auf einen ganz besonderen Menschen verzichten müssen: einen liebevollen Menschen, gefühlvoll, lustig, kämpferisch, ehrlich, sich selbst treu und treu anderen gegenüber und andere Qualitäten die ich hier alle gar nicht aufzählen kann, ich würde noch die ganze Nacht daran sitzen…
Wer Steven gehen lässt… naja den Rest kann sich jeder selbst erdenken.
Ich schätze diesen Menschen sehr und wünsche ihm, Dir lieber Steven, das allerbeste der Welt. Du weißt was du mir bedeutest, ich brauche nicht weiteres hinzuzufügen.
In aller Freundschaft.
so eine rührende geschichte. ich habe einen klos im hals. mehr kann ich dazu nicht sagen, außer dass ich mitfühle…
Hey Steven, ich hab selten so was emotionales und offenes in einem Blog gelesen und gesehen, wie dieses. Auch, wenn ich wahrscheinlich nicht mal im Ansatz verstehen kann, was in Dir vorgeht, so kommt doch eines durch die Zeichnung rüber: das geht tief, und geht viel viel viel weiter unter die Haut als jedes Tattoo.
Ich find’s toll, Dich zu kennen.
Lieber Steven,
Danke!
Danke daß du dieses Tattoo für uns gezeichnet hast, wir finden es großartig.
Und danke daß du unsere Geschichte weiter erzählst. Ich hab deinen Text gestern abend und heute morgen mehrfach gelesen und ich finde es wichtig, daß das Bild nicht ohne die Geschichte gezeigt wird. Trotzdem fühle ich mich mich jetzt auch schlecht. Ich habe nichts von deinem Verlust gewusst und auch nichts von der Bedeutung der Zahlen, auch wenn ich glaube daß man das schon in deiner Art sehen kann. Jetzt wo ich es weiß sehe ichs zumindest. Es tut mir leid, wenn du wegen mir jetzt traurig bist. Das war sehr egoistisch von mir. Tut mir wirklich leid. …
Umso mehr bedeutet uns jetzt dein Bild. Ich werde heute meinen Tättowierer anrufen um einen Termin zu machen. Wenn er das kann werden wir das Bild wie du vorgeschlagen hast auf den unteren Bauch und unten zwischen meine Brüste machen.
In einem liegst Du aber falsch, ich wusste daß du 26 Jahre alt bist. Das steht oben rechts auf deinem Blog.
Ich ruf dich nachher an. Ich will nicht alles hier sagen.
Lieben Gruß,
Tamara
Wahnsinn, auch mich hat der Beitrag mit einem angespannten betroffen traurigen Gefühl auf meinem Stuhl zurückgelassen. Wie Alex schon schreibt, ich fühle mit, es macht mich traurig.
Anonym: Vielen Dank für deine eigenen, sehr offenen Worte. Es hat mir gut getan und ich denke Tamara auch, sie zu lesen.
Alex, Daniel, Sascha: I like you guys! Ich weiß sonst gerade nichts zu sagen. Ich hoffe es kommt an wies gemeint ist
Tamara & Ich haben gestern noch eine gute Stunde telefoniert und sie hat mir mehrfach gesagt, dass ihr meine Zeichnung gut gefällt. Ich sehe der Umsetzung als Tattoo dennoch mit bangem Auge entgegen.
Auch wenn mir vorgestern und gestern noch so vieles durch den Kopf gegangen ist, im moment weiß ich dazu nicht mehr zu sagen. Es ist als seien mir die Worte ausgegangen.
Das ist wirklich eine Geschichte, die einem beim Lesen nahe geht.
Bemerkenswert finde ich dabei, wie radikal sich dabei der Blick auf die eigene Arbeit ändert. Eben noch malt und zeichnet man einfach aus Spaß oder aus professioneller Ambition und im nächsten Augenblick steht da dieses riesige Thema vor einem. Im Zusammenhang mit der fast schicksalhaften Verknüpfung Eurer jeweiligen Lebensgeschichten kann ich dann auch sehr gut nachvollziehen, welche Emotionen dies lostreten muss.
Wie gesagt, geht einem wirklich nahe. Auch, weil es zeigt, welche Dimension Kunst annehmen kann.
Diese Geschichte und deine Gedanken gingen mir sehr nahe.
Ich schätze dich sehr als Menschen, Steven, auch wenn ich dich eigentich gar nicht wirklich kenne. Leider.