Der eigene Preis

comments 4
Uncategorized

Den folgenden Text habe ich mit Hilfe von Jens R. Nielsen, der mit mir einige Stilunschönheiten und Formulierungen überarbeitete, für die Illustratoren Organisation verfasst. Dieser Text wird in Kürze in Form eines Flyers das Informationsangebot der IO erweitern.
Der Text entspricht nicht exakt der im kommenden Flyer zu findenden Fassung. Hier und im Flyer habe ich unterschiedliche Ergänzungen vorgenommen.

Der eigene Preis
Nicht unter 60€ pro Stunde!
Das ist kein Scherz, keine Utopie und kein Irrsinn. Das ist die Vergütung, die Sie als erfahrener selbstständiger Kreativer für Ihre Arbeit verlangen müssen, um wirtschaftlich zu arbeiten – und auch selbstverständlich vor sich selbst und anderen vertreten können sollten.
Die nachfolgende Argumentation wird aufzeigen, wieso diese Vergütungsforderung gerechtfertigt ist.

Die eigene Leistung (ein)schätzen
In zweiwöchiger Einarbeitungszeit ist aus Kreativität noch kein geregelter Geschäftsalltag zu machen. Kreativität ist eine Eigenschaft, die nicht mal eben in einer dreijährigen Lehre erworben wird. Die Fähigkeit »Kreativität«, sei es durch Talent oder Sitzfleisch, in produktive Bahnen zu leiten, ist Ihre »einzigartige« Fertigkeit.
Als Selbstständiger wird aber noch mehr von Ihnen verlangt als Talent und Sitzfleisch. Und auch mehr als von einem abhängig Beschäftigten, der für »genau eine bestimmte Tätigkeit« angestellt wurde. Sie müssen ein guter Geschäfts­mann sein, Sie müssen in der Lage sein, Kontakte zu knüpfen und zu halten. Sie müssen Bedarf erkennen und erfüllen können. Sie müssen sich selbst immer wieder aufs Neue und ohne Druck durch einen Vorgesetzten motivieren. Sie müssen Ihre Zahlen im Auge behalten, Verträge aushandeln und auch abschließen.
Als Selbstständiger müssen Sie Wissen aus vielen Berufs­zweigen erlernen und in einer Person vereinigen.

Wenn Ihr Können derart vielfältig ist, macht Sie das – zumindest ein wenig – zu etwas Besonderem.

Der Vergleichswert
Im Jahr 2008 betrug im bundesdeutschen Durchschnitt der Verdienst eines im pro­duzierenden Gewerbe oder Dienst­leistungs­​­­bereich tätigen Angestellten 3.744€ brutto. Diese Information findet sich in der öffentlichen Verdienst­statistik des Statistischen Bundesamtes Deutschlands.
Der Angestellte erhält davon allerdings nur ­­2.066,54€ netto. Denn vom Bruttoverdienst werden sowohl Steuern (Lohn- und Kirchensteuer, Solidaritätszuschlag) als auch Sozial­versicherungs­beiträge (Rentenversicherung, Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung) abgezogen. Schlägt man diese 2.066,54€ auf eine 38h-Arbeitswoche beziehungsweise den Monatsdurchschnitt von 160h um, so ergibt sich für den Angestellten ein Stundenlohn von 12,92€.
Davon ausgehend, erscheint die Verdienstforderung von 60€/h aberwitzig. So einfach jedoch kann man den Stundenlohn eines Angestellten nicht mit dem eines Selbstständigen gleichsetzen.

Sie sind kein Angestellter
Der Arbeitgeber zahlt für jeden seiner Angestellten Arbeit­geberanteile von 20,775% des Bruttoeinkommens (in unserem Fall 9.333,79€) zur Sozialversicherung. Für Sie zahlt diese niemand, Sie als Selbstständiger müssen diese Beiträge zusätzlich selbst aufbringen.
Um auf das gleiche Niveau eines Angestellten zu kommen, müssen Sie also ein Jahreseinkommen von 54.261,79€ erzielen.

  • 12 × 3.744€ = 44.928€
  • 44.928€ + 9.333,79€ = 54.261,79€

Als Selbstständiger erhält man zudem keine Fahrtkosten­zuschüsse, keine Verpflegungspauschale, keine Rabatte für die Belegschaft, keine kleinen Geschenke, keine bezahlten Fortbildungen und schon gar kein günstiges Darlehen durch eine dem Arbeitgeber nahestehende Bank. Auch, und das ist besonders wichtig, werden Ihre Krankentage nicht durch einen Arbeitgeber gedeckt. Und auch jeder Urlaubstag muss von Ihnen selbst finanziert werden. Es kommen also noch einige selbst auf­zubringende Kosten hinzu.
Ausgehend von 365 Kalendertagen, von denen 104 Wochenend­tage, 8 Feiertage (Mittel) sowie 30 tarifrechtlich vereinbarte Urlaubstage (Mittel) abgezogen werden, ergeben sich bei 223 verbleibenden, produktiven Arbeitstagen zu erzielende Tageseinnahmen von 243,33€. Oder, umgerechnet auf einen achtstündigen Arbeitstag, bereits ein Stundenlohn von 30,41€.

  • 54.261,79€ ÷ 223 = 243,33€ (Tageseinnahmen)
  • 243,33€ ÷ 8 = 30,41€

An einem durchschnittlichen achtstündigen Arbeitstag werden Sie leider nicht in allen acht Stunden effektiv Geld verdienen. Sie pflegen Kundenkontakte und Ihr Portfolio, Sie sortieren Belege, schreiben Angebote und Rechnungen. Sie fahren zu Präsentationen und Weiterbildungen. Und ist ein Job beendet, wartet nicht immer bereits der nächste Auftrag auf Sie. Leerlaufzeiten, die es zu puffern gilt, sind keine Seltenheit. Rechnen Sie mit optimistisch gesehenen 60% Auslastung, also mit fünf geldeinbringenden, produktiven Stunden pro Tag. Umgerechnet auf das Jahr, ergeben sich 139 Arbeitstage, an denen Sie Ihren Verdienst erwirtschaften müssen. Daraus folgt ein Stundenlohn von 48,80€.

  • 54.261,79€ ÷ 139 = 390,37€ (Tageseinnahmen)
  • 390,37€ ÷ 8 = 48,80€

Auch Selbstständige sind genau wie Angestellte im Jahres­durchschnitt acht Arbeitstage krank und nicht erwerbsfähig, wodurch sich die Anzahl der Arbeitstage pro Jahr erneut verringert und der zu erzielende Stundenlohn entsprechend erhöht.

  • 54261,79€ ÷ 131 = 414,21€ (Tageseinnahmen)
  • 414,21€ ÷ 8 = 51,78€

Sie müssen zudem selbst für Ihren Arbeitsplatz und Ihre Arbeitsgeräte sorgen und aufkommen. Ihr Atelierplatz ver­ursacht Kosten. Computer, Software und Fachbücher müssen angeschafft, betriebliche Versicherungen ab­geschlossen werden. Sie benötigen Rücklagen für Porto, Reisekosten, Fortbildungen und Fremdleistungen (z. B. die Program­mierung einer Internetseite, die Buchführung, die Einrichtung der Telefonanlage).
Die Höhe dieser Kosten ist abhängig von den Bedürfnissen jedes Einzelnen und lässt sich deswegen nur bedingt konkret beziffern. 20% Ihrer Einnahmen sollten Sie auf das Jahr gesehen dafür jedoch zur Seite gelegt haben. Womit bereits ein Stundenlohn von 62,13€ erreicht ist.

  • 54.261,79€ + 10.852,36€ = 65.114,15€
  • 65.114,79€ ÷ 131 = 497,05€ (Tageseinnahmen)
  • 497,05€ ÷ 8 = 62,13€

Relativitätstheorie
Die Künstlersozialkasse ist eine Institution die für ihre Mitglieder von den Verwertern (Verlage, Werbeagenturen, …) »Gebühren« für die Nutzung kreativer Leistungen, einsammelt. Diese eingenommenen »Gebühren« kommen in Form von Zuschüssen den über die KSK pflichtversicherten Berufsgruppen – zu denen die Illustratoren zählen – zu Gute. Die Höhe dieses Zuschusses wird durch die Höhe der Einzahlungen der Illustratoren in die Krankenkasse, sowie die gesetzliche Rentenkasse bestimmt. Die Künstlersozialkasse bezuschusst diese Beiträge mit 50% der Beitragshöhe.
Leider sehen viele über die KSK versicherte Selbstständige in dieser Bezuschussung bzw. der Berechnungsgrundlage dieser Bezuschussung einen Weg, ihren Kapitalbedarf gravierend zu senken. In Folge dessen sind sie jedoch für die Zukunft und vor allem für den Bedarfsfall bei Berufsunfähigkeit und im Alter, vollkommen unterversichert.
Sich der Illusion eines geringen Kapitalbedarfes aufgrund der Bezuschussung durch die KSK hinzugeben, ist kurz- und langfristig Existenzgefährdent!
Zudem wird nicht jeder von der KSK als versicherungspflichtig eingestuft. Sofern Sie nicht Mitglied sind, sollten Sie sich an dieser beispielhaften Kalkulation orientieren.

www.kuenstlersozialkasse.de
www.io-home.org/leistungen/grundlagen/ksk

Mehr Wert
Ohne Zweifel ist es möglich, mit einer geringeren Vergütung als 60€/h auch als Selbstständiger zu überleben. Leider ist das sogar die Realität, denn viele Selbstständige wissen Ihren eigenen Wert nicht richtig einzuschätzen – oder kalkulieren Ihren Bedarf mit nicht realistischen Zahlen.
Wenn Ihr Verdienst gravierend von dem hier hoffentlich nachvollziehbar hergeleiteten Stundensatz abweicht, seien Sie sich bewusst, dass dies trotz vermutlich glücklicher Kunden kurzfristig wie auch langfristig zu Ihrem Nachteil ist.

Als Selbstständiger und als Illustrator haben Sie Anspruch darauf, für Ihre Arbeit angemessen vergütet zu werden.
Sie erbringen professionelle Leistungen, sind als Illustrator oftmals maßgeblich für den Erfolg eines Projektes mitverantwortlich und diese Arbeit hat Ihren Wert.
Mehr als Sie sich vielleicht bewusst waren.
Bis jetzt.

Viel Erfolg.

Weitere Informationen finden Sie auf unserer Internetseite. Wir bieten umfangreiches Material sowohl für Berufsanfänger als auch für bereits länger als Illustrator tätige Selbstständige an. Besuchen Sie uns unter
www.io-home.org/leistungen/grundlagen
www.io-home.org/leistungen/service

4 Comments

  1. AGD Soldaten fragen natürlich nach der Lizenzberechnung, die hier vollkommen fehlt, aber das ist schonmal eine übersichtliche Aufschlüsselung der reinen Arbeitszeit.

  2. seeehr interessante rechnung. das müsste man eigentlich jedem kunden vorher in die hand drücken … vor allem denen, die denken, dass ja eigentlich der computer drei viertel der arbeit macht.

  3. steven! du held! wollte ich eh mal gesagt haben und tu dies hier nun schön in aller öffentlichkeit. sollte mal wer über einen io-verdienst-preis nachdenken wär der dir sicher sicher!

  4. Alex:
    Die Rechnung ist lediglich Basis fürs Arbeitsaufwandsentgelt. Nutzungsrechte und der Faktor “Spaß” bzw. “Schmerzensgeld” sind da noch nicht mit eingearbeitet. Das Thema Nutzungsrechte mit all seinen Faktoren zu bearbeiten, wäre auch ein wenig zu viel gewesen, für diesen Flyer.

    Geheimagentmann:
    Eigentlich sollte man diese Rechnung niemandem in die Hand drücken müssen. Weder dem Kunden, noch den Künstlern. Das was da zusammengerechnet wurde, kann sich jeder mit gesundem Menschenverstand selbst errechnen. Das sollte “Basiswissen” sein!
    Ist es aber leider nicht, deswegen gehts an die Künstler. Denn es ist an den Illustratoren & Künstlern ihre Verdienstforderung der Realität anzupassen. Bisher hat auch noch kein Nicht-Illustrator diese Rechnung als unrealistisch moniert, dafür aber einige Illustratoren.

    Till:
    Ich glaube den hätte Dorothée viel lieber und auch eher verdient als ich.
    Aber danke für den Honig 😉

Leave a Reply